Sektorenübergreifende Versorgung: Wohin, wenn die OP-Wunde nicht heilt?

Ulrike Elsner

Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende, Verband der Ersatzkassen e. V.

Ein Beitrag von Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen e.V. (vdek).

Aus dem Krankenhaus entlassen, doch die OP-Wunde schmerzt plötzlich ungewöhnlich stark – und nun? Wer versorgt mich jetzt optimal? Mein Hausarzt? Der Facharzt? Oder muss ich zurück in die Klinik? Viele Patienten wissen in solchen Fällen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Die Gründe sind zahlreich: mangelnde Abstimmungen zwischen ambulantem und stationärem Bereich, Parallelstrukturen bei der Versorgung, unklare Abgrenzungen – etwa im Bereich der teilstationären oder ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung. Besonders für Patienten mit Krebs oder seltenen Erkrankungen eine unhaltbare Situation: Denn v. a. sie benötigen eine qualitätsgesicherte Versorgung über die Sektorengrenzen hinweg. Doch die Vernetzung der Bereiche ist längst nicht optimal geregelt.

Zwar hat die Politik die Trennung der Versorgungssektoren in der Vergangenheit durchlässiger gemacht – durch Regelungen zu ambulanten OPs im Krankenhaus etwa oder zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung. Doch dabei wurden stets nur Lösungsansätze für einzelne Versorgungsfragen entwickelt. Durch neu entstandene Leistungsangebote, kürzere Liegezeiten im Krankenhaus und andere Entwicklungen nahmen die Überlagerungen der verschiedenen Angebote zu, teure und wenig hilfreiche Parallelstrukturen entstanden. Hinzu kommt, dass wichtige Regelungen für Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte vollständig voneinander getrennt getroffen werden: in der Krankenhausplanung durch die Bundesländer,  in der ambulanten Bedarfsplanung durch die gemeinsame Selbstverwaltung. Eine optimale Versorgung der Patienten über die Sektorengrenzen hinweg kann unter diesen Umständen schwer realisiert werden. Was fehlt, ist eine Versorgungsarchitektur, die dieses wichtige Ziel guter sektorenübergreifender Versorgung erreicht und deren Qualität sicherstellt, u. a. indem sie die unterschiedlichen Strukturen und rechtlichen Regelungen zusammenführt.

  • Beispiel Krebspatienten: Die Betroffenen benötigen oftmals eine hoch spezialisierte fachärztliche Versorgung; nicht selten werden sie dazu in Hochschulambulanzen behandelt. Dringend geboten dabei ist eine gut laufende, möglichst reibungsarme Kooperation von behandelnder Klinik und Hausarzt. Doch der stehen die derzeitigen Vergütungssysteme im Weg: Sie sind auf nicht auf Arbeitsteilung und Kooperation ausgelegt.
  • Beispiel Qualitätssicherung: Dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) kommt eine tragende Rolle bei Qualitätssicherung im Bereich der sektorenübergreifenden Versorgung zu. Es wurden erste Qualitätssicherungsverfahren etabliert, bei denen Behandlungsverläufe im Ganzen beurteilt und über verschiedene daran beteiligte Leistungserbringer und größere Zeiträume hinweg analysiert werden. Dieser Ansatz ist noch relativ neu, in der Versorgung angekommen ist daher bislang nur wenig.
  • Beispiel Rahmenbedingungen: Bislang gibt es keine verbindliche Definition und Abgrenzung von teilstationärer Versorgung zur ambulanten Behandlung. Dadurch haben sich Parallelstrukturen verfestigt. Es kommt zu unnötigen Mehrfachbehandlungen und -untersuchungen, die zulasten der Patienten gehen und die Kosten der Versorgung unnötig in die Höhe treiben.

Unter dem Titel „Vernetzte Versorgung an den Sektorengrenzen“ diskutieren auf dem Hauptstadtkongress Experten gemeinsam mit dem Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) über Probleme und Lösungsansätze für eine bessere Gesundheitsversorgung über die Sektorengrenzen hinweg. Dabei steht aus Sicht des vdek die Qualitätssicherung an vorderster Stelle. Der vdek will insbesondere aufzeigen, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, um die bessere Verzahnung der Versorgungsbereiche zu erreichen. Hier ist aus unserer Sicht auch der Gesetzgeber gefordert.

Wir freuen uns, wenn Sie sich am Donnerstag, den 9. Juni 2016 von 11:30 Uhr bis 13:00 Uhr in Saal A1 an der Diskussion beteiligen und sind natürlich gespannt auf Ihre Kommentare hier im Blog. Mehr Informationen zu gesundheitspolitischen Themen finden Sie auf unserer Webseite unter www.vdek.com .

Ihre Ulrike Elsner

Ein Gedanke zu „Sektorenübergreifende Versorgung: Wohin, wenn die OP-Wunde nicht heilt?“

  1. Sehr geehrte Frau Elsner
    „Vernetze Versorgung an den Sektorengrenzen“
    Wenn die Wunde nicht heilt ist Deutschland Notstandsgebiet. Wir versuchen schon seit 1999 mit unseren Wundzentren im Ortenaukreis in Lahr, Achern und Kehl diesem Phänomen entgegenzutreten. Dazu war ein Paradigmenwechel notwendig, der bis dato in der Regelversorgung so noch nicht vorgesehen war. Mit der AOK BaWü haben wir seit 2014 einen Selektivvertrag, weil sie erkannt hat, dass das Therapiekonzept und die Therapieinhalte und das sich daraus entwickelnde Patientenaufkommen, das gerade die Fachkompetenz unserer Wundzentren sucht, in Baden-Württemberg einzigartig ist und gerade nicht mit anderen Wundzentren, Einrichtungen oder etwaigen Einzelärzten, auch nicht mit Klinikzentren vergleichbar ist. Wir bekommen aber leider schon jahrelang Regressdrohungen von den gemeinsamen Prüfungsstellen der Kassenärztlichen Vereinigung und den Kassen. Wir sollen also Strafe dafür zahlen, dass wir unsere Patienten umfangreicher und sehr oft mit größerem Erfolg behandeln, aufgrund der unausweichlichen Überschreitung des Richtgrößenvolumens. Im Verordnungsmix des Hausarztes fallen auch die ineffizienten Versorgungen leider nicht auf, obwohl bedingt durch dieses Gießkannenprinzip solche Versorgungsstrukturen letztendlich viel teurer sind.
    vdek-Mitglied Frau Huber-Michele, die Leiterin der DAK-Geschäftsstelle in Freiburg kennt uns genau und kann Ihnen von uns und ihrem Engagement für unsere Versorgungsstruktur aber auch über die Schwerfälligkeit bei der Etablierung neuer Innovationen im Gesundheitswesen berichten.
    Herzliche Grüße

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