War for Talents

Der quantitative Ärztemangel ist virtuell – der qualitative Ärztemangel ist real

Prof. Dr. Axel Ekkernkamp

Prof. Dr. Axel Ekkernkamp
Wissenschaftlicher Leiter Deutsches Ärzteforum

Porsche, Mercedes, BMW – nicht nur der Automobilsektor, gleich der gesamte Maschinenbau klagt allerorten seit Jahren über einen Mangel an gut ausgebildeten Ingenieuren. Etwas mehr als 5.000 Ingenieure verlassen jährlich Deutschlands Fakultäten. China „wirft“ jedes Jahr weit über 100.000 neue Ingenieure auf den Markt. Deutschlands Automobilmarken sind gleichwohl weiterhin Exportweltmeister  – unter anderem auch deshalb, weil die Ausbildungsqualität der deutschen Ingenieure anerkannt ist und viele  kluge Köpfe  weiterhin von der Automobilbranche angezogen  werden. Anders in den USA: Dort sinkt der Stern der Automobilwirtschaft.  Vor allem, weil  im Land der Pioniere sich im „War for Talents“ die klugen Köpfe für Firmen wie Apple, Google  und Microsoft entscheiden oder gleich selbst ein Start Up im Silicon Valley gründen, wofür Investoren Millarden Dollar zur Verfügung stellen.

Deutschland als Land medizinischer Spitzenleistungen und ehemalige Apotheke der Welt braucht hochinnovative, global wettbewerbsfähige „Medical Valleys“ oder „Medical Hubs“   –  und dafür die besten Mediziner. Hier steht der Arzt als der zentrale Weichensteller für Diagnostik, Therapie, Forschung und Innovation im Mittelpunkt eines ganzen Wirtschaftsbereichs – der Gesundheitswirtschaft.

Viele  gute Köpfe sind nicht mehr die klassischen „Nur-Ärzte„, sondern verlassen vielfach Klinik und Praxis. Sie arbeiten beispielsweise als „Nicht-Nur-Ärzte“  –  häufig durch MBAs und andere Abschlüsse erweiterte Kompetenzen  –  in leitenden Positionen in Krankenkassen, der Pharmaindustrie und anderen wichtigen Schaltstellen der Gesundheitswirtschaft. Und sie gründen auch erfreulich häufig eigene Gesundheitsunternehmen in Deutschland: Helios, Polikum, EuroEyes, Dermatologikum, Indivumed, Ovesco  sind nur einige Beispiele.  Der Arztberuf ist im Wandel und wächst seit  etwa  25 Jahren über die traditionellen Berufsrollen in der Klinik und Praxis deutlich hinaus. Krankenhäuser sollten diese Tatsache als produktiven Wettbewerb anerkennen und ihre Ansätze zum Personalmarketing und zur Personalentwicklung professionalisieren sowie die Verantwortung dafür in der Ärztlichen Direktion nach innen und außen sichtbar machen.

Außer SAP mit seiner weltweiten Spitzenposition im Bereich Businesssoftware kann Deutschland keine international relevanten Marktführer in der Informationsindustrie vorweisen. Das sollte sich in der deutschen Gesundheitsindustrie nicht wiederholen. Die Gesundheitswirtschaft ist ein Konvergenzmarkt, die Sektorengrenzen beginnen sich aufzulösen, d.h. die Provider (die Krankenhäuser, der ambulante und der Rehasektor) und die Supplier (Medizingerätehersteller, Pharmaindustrie usw.) vernetzen sich immer vielfältiger und enger.

All dies braucht allerbeste Mediziner, die nicht „Nur -Ärzte“ sind  –  zum Nutzen der Patienten und unserer Volkswirtschaft.  Verstehen Sie das gerne als ein Plädoyer für die Übernahme von deutlich mehr Verantwortung durch die Ärzteschaft an zentralen strategischen Positionen für eine prosperierende Zukunft der deutschen Gesundheitswirtschaft und eine kontinuierliche Verbesserung der Patientenversorgung in einer alternden Gesellschaft.

Die Fragmentierung der Medizin und das Verfolgen von Partialinteressen sind in einem Konvergenzmarkt kein Erfolgsrezept mehr. Wir fragen daher im Deutschen Ärzteforum gezielt, ob die Ärzteschaft ihre Leadership-Verantwortung in der Medizin zum Patientennutzen ausreichend wahrnimmt.

Dieser zentrale Aspekt durchzieht beim diesjährigen Hauptstadtkongress viele Panels. So diskutieren wir nicht nur über den qualitativen „War for Talents„, sondern auch über die „Gesundheitsführungsriege 2030“  – verschläft die Ärzteschaft ihre Zukunft an den Schaltstellen der Macht?

Wir sind gespannt auf Ihre Meinung. Tragen Sie durch Ihre persönliche Beteiligung bei – hier im Blog und vor allem vor Ort auf dem Hauptstadtkongress.

Ihr Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp

Ein Gedanke zu „War for Talents“

  1. Hmmm… braucht Deutschland nicht auch einfach wieder mehr engagierte Basis, mehr „Nur-Ärzte“, die sich dem ländlichen Ärztemangel entgegenstellen, und die Last und Bürden der ganz normalen ärztlichen Versorgung auf sich nehmen, ganz ohne MBA, CMO- oder CEO-Titel? Die den Dienst an der Gesellschaft über den Dienst für die Gesellschafter stellen?

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